100 Jahre Johanna Quandt
"Unsere Mutter mochte Menschen - und zwar sehr!"
Sehr geehrte Damen und Herren!
Just am heutigen Tag hätte unsere Mutter ihren 100. Geburtstag feiern können. Runde Geburtstage sind häufig ein guter Anlass, innezuhalten. Und die Frage, was von einem Leben bleibt, hat jeden von uns sicher schon einmal beschäftigt. Einer unserer früheren Preisträger, Henning Sußebach, hat im letzten Jahr ein Buch mit dem Titel „Anna oder: Was von einem Leben bleibt“ geschrieben. Darin erinnert er an seine Urgroßmutter Anna – er schildert ihre schwere Lebensgeschichte und wie sie in ihrer Lebenszeit auch ein wenig das Weltgeschehen mitgeprägt hat.
So wie auch Johanna Quandt. Auch sie hat in unruhigen Zeiten gelebt, gearbeitet, manchmal sicher geweint, aber auch häufig gelacht. Ihre Jugend in Berlin prägte der Krieg. Von ihrem Arbeitsdienst in Ostpreußen hat sie immer wieder erzählt. Nach dem Krieg folgte eine Ausbildung zur MTA, obwohl sie lieber Medizin studiert hätte. Bald eine frühe Heirat und eine erste Anstellung – in der Buchhaltung einer Werkstatt für englische Militärfahrzeuge. Später als Auslandskorrespondentin in einem Motorenwerk.
Und dann kam 1955 der Entschluss, bekannte Pfade zu verlassen und einen neuen Weg zu finden: Die junge Johanna beschloss, ihrer Schwester Magdalena zu folgen, die mit ihrem Mann bereits Anfang der 50er Jahre in die USA gegangen war. Johanna Bruhn, wie sie damals hieß, ging diesen Weg im Gegensatz zu Ihrer Schwester jedoch allein. Die Zeit in den USA hat sie daher noch mehr geprägt, und sie als Persönlichkeit geformt. Die Jahre auf sich gestellt und fern der Heimat schenkten ihr Selbstbewusstsein in einer Zeit, in der sich die Welt weitete, aber für Frauen häufig noch recht eng war. Und in der sie dann nach ihrer Rückkehr nach Deutschland auch ihren Platz fand – an der Seite unseres Vaters Herbert Quandt, bis zu seinem Tod im Jahr 1982, und dann in seiner unternehmerischen Nachfolge.
Meine Damen und Herren,
der Zeitpfeil fliegt, so denkt man, auf linearer Bahn. In der Rückschau fügt sich oft alles immer so schlüssig und erscheint geradlinig. Aber eigentlich wissen wir – und haben oft selbst diese Erfahrung schon gemacht: So einfach ist der Verlauf eines Lebensweges meist nicht. Im Gegenteil: Oft sind es gerade die Zeitpunkte der Brüche im Hier und Jetzt - wenn auf einmal alles anders ist, und nichts mehr, wie es war –, wenn in einem Leben die großen Weichen gestellt werden!
Diese Erfahrung musste auch Johanna Quandt machen. Als sie mit 19 Jahren aus dem Arbeitsdienst ins zerstörte Berlin zurückkehrte – und dort vom Tod ihres Vaters erfuhr.
Oder als sie 1982 von der Nachricht des unerwarteten Todes ihres Mannes überrascht wurde. Herbert Quandt war – wie es aufgrund seines Augenleidens so gut wie nie der Fall gewesen war – nach einem gemeinsamen Familienwochenende noch einige Tage länger allein bei Verwandten geblieben. Schon die Tatsache, dass es ihr nicht vergönnt war, in seinen letzten Momenten bei ihm gewesen zu sein, war für Johanna Quandt eine schwere Bürde. Aber es sollte eine weitere hinzukommen: Sie fand sich auf einen Schlag in einer komplett anderen Lebenssituation wieder – und sah sich in eine Verantwortung gestellt, auf die sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht vorbereitet war.
Zumindest dachte sie das. Herbert Quandt war anderer Meinung gewesen. Er hatte aufgrund seiner anerkanntermaßen guten Menschenkenntnis auch die Fähigkeiten seiner Frau richtig eingeschätzt. Und deshalb in seinem Testament verfügt, dass Johanna Quandt, mit seinem langjährigen Berater Graf von der Goltz an der Seite, an seine Stelle treten und auch die wichtigsten seiner Mandate übernehmen sollte.
Dieser Bruch im Leben von Johanna Quandt wurde somit für sie ein Aufbruch in eine neue Lebensphase. Und ihr Mann sollte Recht behalten: Als würdige Vertreterin einer Unternehmerfamilie fand sie zu einer neuen Berufung! Ohne kaufmännische Ausbildung, aber mit einer guten Mischung aus Intelligenz und gesundem Menschenverstand, Wärme und echter Menschenliebe, Verantwortungsbewusstsein und ebenfalls guter Menschenkenntnis, bewahrte sie das unternehmerische Vermächtnis ihres Mannes und übertrug es anderthalb Jahrzehnte später als ein gut bestelltes Haus auf die nächste Generation.
Wie sie diese große Aufgabe gemeistert hat, überraschte einige in ihrem Umfeld - vielleicht sogar am meisten sie selbst. Aber dabei beließ sie es nicht.
Schon für Herbert Quandt hatte unternehmerisches Handeln immer auch indirekt die Wahrnehmung einer gesellschaftlichen Verantwortung bedeutet: Für Mitarbeiter und Arbeitsplätze, und damit für das Wachstum gesellschaftlichen Wohlstands. Als die gute Entwicklung des Vermögens zunehmend Raum dafür schuf, begann Johanna Quandt jedoch darüber hinaus, direkt Gutes zu tun, und mit den ihr zu Verfügung stehenden Mitteln gemeinnützig tätig zu werden. Mit vielen Projekten begann sie, engagierte Menschen in ganz verschiedenen Bereichen zu unterstützen und bedürftigen Menschen zu helfen, und führte dies verstärkt auch nach ihrer unternehmerischen Tätigkeit bis in ihre letzten Lebensjahre fort. Johanna Quandt erweiterte damit den Gestaltungsraum des Familienvermögens um eine neue Dimension – dafür sind ihr viele Menschen, nicht zuletzt auch meine Schwester und ich, überaus dankbar.
„Johanna Quandt ging es nie um Sichtbarkeit. Ihr ging es um Wirkung.“
So hat Professor Milberg es in einem filmischen Porträt über Johanna Quandt auf den Punkt gebracht: Wirkung statt Sichtbarkeit! Mit dieser Haltung stellte Johanna Quandt das, was sie für wichtig hielt, hinter eigene Vorlieben zurück. Dies passte zu ihrem fast preußischen Grundsatz, Arbeit und Pflicht in den Mittelpunkt zu rücken, und nie viel Aufhebens um die eigene Person zu machen. Ja, wenn jemand Unbekanntes sie ansprach mit der Frage:
„Sagen Sie mal, sind Sie die Frau Quandt?“,
so antwortete sie gerne:
„Leider Nein - Schön wär’s.“
Nein, Johanna Quandt suchte nicht das Rampenlicht, sondern den direkten Kontakt zu den Menschen. So genoss sie – ganz inkognito - das Gespräch mit zufälligen Alltagsbegegnungen, etwa Verkäuferinnen und Taxifahrern, und wusste oft mit Begeisterung von deren Lebenshintergründen und Ansichten zu erzählen. Und so gewann sie selbst die Aufmerksamkeit ihrer Mitmenschen mit leisen Tönen, mit ihrer Nahbarkeit und ihrem freundlichen, anhaltenden Interesse für alle und jeden. Zu ihren Lebzeiten haben dies, wie viele andere auch, die Preisträgerinnen und Preisträger des Herbert Quandt Medien-Preises wahrgenommen. Gerade in der Gegenwart von Johanna Quandt, die ihre eigene Sichtbarkeit für überschätzt hielt, fühlte man sich – so könnte man es sagen – in besonderer Weise „gesehen“.
So sehen viele von Ihnen sie jetzt vielleicht gerade deshalb auch noch in Gedanken vor sich: Wie sie sich in der Frankfurter Uniklinik mit Prof. Klingebiel über die Verbesserung der Therapie und Versorgung schwer krebskranker Kinder austauschte. Oder wie sie bei der Verleihung des Herbert Quandt Medien-Preises als Gastgeberin in der ersten Reihe saß. Und wie sie dabei Reden, Laudationes und Preisträgerfilme konzentriert und amüsiert verfolgte. Und vielleicht auch wie sie einmal auf das Kompliment eines Gastes für ihre farbenfrohe Garderobe lächelnd antwortete:
„Danke, aber wenn ich Beige tragen würde, würde mich ja auch niemand erkennen.“
Zwischen dem Erkennen und der Anerkennung besteht eine besondere Verbindung. Etwas als wertvoll zu erkennen und dann „Anerkennung zu zollen“ – auch das konnte Johanna Quandt. Und damit sind wir wieder bei unserem Medien-Preis und seinem Ziel der Anerkennung von exzellentem Wirtschaftsjournalismus.
Einer unserer Preisträger, Lorenz Wagner – heute berät er meine Schwester und leitet mit ihr die Stiftung Kunst und Natur – hat sich in seiner Dankesrede im Jahr 2018, also drei Jahre nach dem Tod Johanna Quandts, daran erinnert, wie es war, als er ihr erstmals begegnete - und wie ihn diese Erinnerung begleitet hat. Ich darf es Ihnen kurz vorlesen:
„Von der Preisverleihung damals ist mir ein Satz (…) in Erinnerung, und der lautete: ‘Frau Quandt erwartet Sie im Rosenzimmer.’ Ich war wahnsinnig nervös, und ich bin hingegangen - und dann saß mir eine Frau gegenüber, die mir diese Angst genommen hat. Sie war extrem freundlich – und sie kannte meinen Text. Und ich fühlte mich wertgeschätzt. Und später sagte mir dann (der Stiftungsvorstand) Dr. Appelhans – man begegnet sich ja so manchmal – ‘Frau Quandt lässt sich von unseren Preisträgern immer die Artikel ausschneiden und vorlegen, also sie verfolgt sie weiter.’ Und ich habe dann so manchmal daran gedacht, wenn ich irgendeinen Mist geschrieben habe oder etwas Gutes: Ah, das liest jetzt Johanna Quandt - und eigentlich war sie die einzige Leserin, die ich kannte.“
Im Nachhinein noch einmal vielen Dank, Herr Wagner, dass Sie diese wunderbare Erinnerung an unsere Mutter damals mit uns geteilt haben. Die Erinnerung an das, was sie ausgemacht hat, an ihr freundliches Wesen und an ihre besondere, zugewandte Art. Und ja, sie war eine große Leserin. Und eine große Fragerin! Dr. Fritz, der über Jahrzehnte an der Spitze unseres Family Offices stand, hat das gerade im Film in Erinnerung gerufen: Dass sie durch ihre frühe morgendliche Lektüre immer bestens informiert ins Büro kam. Und wenn sie sich für etwas interessierte, dann blieb sie dran und konnte immer wieder nachhaken.
Diese Wissbegierde war eine besondere Eigenschaft Johanna Quandts. Vielleicht liegt hierin auch ein Grund für das Interesse am Journalismus und – wie wir gerade gesehen haben – auch an der Medizin. Denn beide Professionen, der Journalist wie die Ärztin, müssen Fragen stellen, um Antworten zu finden. Und in beiden Berufen bietet jede Antwort auch die Chance zu einer neuen Frage, und jede Frage die Chance auf neues Wissen.
Und auch das Interesse an Menschen ist etwas, was beide Berufsgruppen verbindet. Jedenfalls ist es in beiden Fällen hilfreich und wünschenswert, Menschen grundsätzlich zu mögen. Unsere Mutter mochte Menschen – und zwar sehr. Das war ein Kern ihres Wesens und die Basis ihrer Überzeugungen und Grundsätze – Prof. Einhäupl hat dies soeben nochmal in Erinnerung gerufen.
Und so steht Johanna Quandt bis heute auch für eine Kultur anständigen Umgangs miteinander – Herr Schoch hat diese besondere Kultur am Beispiel des vertrauensvollen Zusammenwirkens von Kapitalseite und Arbeitnehmerseite zum Wohl des Unternehmens BMW verdeutlicht: Eine Kultur des Respekts und der gegenseitigen Achtung, die uns heute in vielen Bereichen unseres Lebens leider immer seltener begegnet.
Meine Damen und Herren,
nun habe ich bereits ausführlicher an Johanna Quandt erinnert, als sie selbst es vermutlich gewollt hätte. Und dabei habe ich nicht einmal über die Rolle von Johanna Quandt gesprochen, die wir als Sohn und Tochter als wertvollste Erinnerung im Herzen halten: Über die Mutterrolle, die sie mit unendlich viel Liebe und Hingabe ausfüllte, und mit der sie uns in unserer Kindheit Wärme und Geborgenheit, und für das Leben ein Wertegerüst schenkte. Dies auszuführen, würde aber in vielerlei Hinsicht den Rahmen der heutigen Preisverleihung sprengen.
Ich möchte aber an das Stichwort „Wertegerüst“ anknüpfen und abschließend noch einmal unterstreichen, was meine Schwester Susanne und ich im Kontext ihres öffentlichen Wirkens als den größten Verdienst unserer Mutter ansehen: Sie hat mit den finanziellen Mitteln aus ihrem Vermögen neue Wege beschritten. Sie hat die Dinge gestaltet, die ihr besonders am Herzen lagen.
Die Förderung von Forschung und Anwendung in der Medizin durch die Gründung der Stiftung Charité und deren Exzellenzinitiative in Berlin, die Unterstützung schwer krebskranker Kinder, u.a. durch den Bau des Johanna Quandt-Zentrums an der Uniklinik der Goethe-Universität,
die Förderung journalistischer Talente und allgemein des Qualitätsjournalismus durch die Johanna Quandt-Stiftung, und nicht zuletzt seit 1986 das stete Bemühen um ein angemessenes, ausgewogenes Bild von Unternehmern und Unternehmen durch die Verleihung des Herbert Quandt Medien-Preises, der uns heute hier zusammenbringt.
Johanna Quandt hat dabei wesentliche Teile ihres Vermögens in gesellschaftliche und gemeinnützige Aufgaben investiert, weil sie – ich darf nochmal an die Worte von Prof. Milberg erinnern – „wirksam“ sein wollte. In unserer Familie hat sie diesen Weg in dieser Konsequenz als Erste beschritten, und uns damit den Blick geöffnet in eine neue Dimension der Verantwortung und der Möglichkeiten im Umgang mit dem Familienvermögen.
Daher hat meine Schwester und mich im Zusammenhang mit dem 100. Geburtstag unserer Mutter auch vor allem die Frage nach dem, was wirkt und was wirksam bleibt, beschäftigt. Und wir haben uns entschieden, zu diesem Anlass einen „Johanna Quandt Jubiläumsfonds“ mit einem Vermögen von 10 Mio. EUR ins Leben zu rufen. Seine Mittel sollen an Organisationen und Initiativen fließen, die
Johanna Quandt zu ihren Lebzeiten besonders wichtig waren und zum Teil von ihr bereits gefördert wurden, oder die in ihrem Sinne Projekte in den Bereichen Medizin, Musik und zwischenmenschlicher Verständigung durchführen.
Wir hoffen, dass auch auf diese Weise das soziale und wertebasierte Vermächtnis Johanna Quandts weiter lebendig und sichtbar, aber vor allem auch wirksam bleibt.
Meine Damen und Herren,
Johanna Quandt lag der Austausch mit Menschen sehr am Herzen – Frau Mainitz hat im Film auch daran gerade sehr lebendig erinnert. Für Johanna Quandt war das jährliche Wirtschaftsstipendium der Johanna-Quandt-Stiftung daher auch keine Pflichtveranstaltung, im Gegenteil: Sie hat sich immer auf die Begegnungen mit den jungen Journalistinnen und Journalisten gefreut und war ernsthaft daran interessiert, mit ihnen ins Gespräch zu kommen.
Und so möchten wir es, wie in jedem Jahr, auch heute halten. Das Kuratorium der Stiftung hatte gerade schon die Gelegenheit, unsere Preisträger – und damit die Köpfe hinter den preisgekrönten Beiträgen – kennenzulernen (wenngleich nicht im Rosenzimmer…). Deshalb freue ich mich darauf, dass wir alle nachher miteinander ins Gespräch und in einen Austausch kommen können.
Aber nun bitte ich Sie zunächst um Ihre Aufmerksamkeit für die Vorstellung unserer diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträger in Bild, Ton und Wort – denn dies soll ja schließlich auch nach dem Willen von Johanna Quandt im Mittelpunkt unserer Veranstaltung stehen.
Vielen Dank!