Medienpreis
100 Jahre Johanna Quandt
"Unsere Mutter mochte Menschen – und zwar sehr!"
Sehr geehrte Damen und Herren!
Just am heutigen Tag hätte unsere Mutter ihren 100. Geburtstag feiern können. Runde Geburtstage sind häufig ein guter Anlass, innezuhalten. Und die Frage, was von einem Leben bleibt, hat jeden von uns sicher schon einmal beschäftigt. Einer unserer früheren Preisträger, Henning Sußebach, hat im letzten Jahr ein Buch mit dem Titel „Anna oder: Was von einem Leben bleibt“ geschrieben. Darin erinnert er an seine Urgroßmutter Anna – er schildert ihre schwere Lebensgeschichte und wie sie in ihrer Lebenszeit auch ein wenig das Weltgeschehen mitgeprägt hat.
So wie auch Johanna Quandt. Auch sie hat in unruhigen Zeiten gelebt, gearbeitet, manchmal sicher geweint, aber auch häufig gelacht. Ihre Jugend in Berlin prägte der Krieg. [mehr …]
Der Herbert Quandt Medien-Preis 2026 geht an:
- Felix Holtermann und Thomas Jahn für ihr Porträt des Tech-Konzerns Palantir „Daten als Waffe“, erschienen am 14. November 2025 im Handelsblatt, und ihr Interview mit Palantir-Chef Alexander Karp „Niemand spricht mehr über Deutschland“, erschienen am 12. Dezember 2025.
- Wolfgang Würth für sein Dossier „Ziegler – Aufstieg und Fall“, erschienen am 22. November 2025 in Der neue Tag.
- Kristina Schlömer, Ute Mattigkeit und Karen Grass für ihre Dokumentation „Die Deals mit unserem Strom“, veröffentlicht in der Wirtschaftsdoku-Reihe „Deals“ (ZDF WISO) am 22. Oktober 2025.
- Natascha Pflaumbaum für ihre Dokumentation „Billion Dollar Workwear – Die Engelbert Strauss Story“, ausgestrahlt am 25. Februar 2025 im hr-fernsehen.
Wir gratulieren allen Preisträgerinnen und Preisträgern ganz herzlich!
12.500 Euro Preisgeld für Felix Holtermann und Thomas Jahn
Über eineinhalb Jahre haben Felix Holtermann und Thomas Jahn zu Palantir recherchiert, der ebenso einflussreichen wie intransparenten Firma, deren Software rund um die Welt bei Militär, Unternehmen und Sicherheitsbehörden zum Einsatz kommt. Entstanden sind das eindrucksvolle Porträt des Tech-Konzerns „Daten als Waffe“, erschienen am 14. November 2025 im Handelsblatt, und ein Interview mit Palantir-Chef Alexander Karp „Niemand spricht mehr über Deutschland“, ebenda erschienen am 12. Dezember 2025.
Ihre journalistische Arbeit führt Holtermann und Jahn zu Palantirs Kundenkonferenz „AIP Con“. Sie besuchen das Silicon-Valley-Büro und die Deutschlandzentrale von Palantir in München. Sie sprechen mit aktuellen und ehemaligen Palantir-Mitarbeitern, mit Konkurrenten, Kritikern, Experten und Kunden.
Der Inside-Report liest sich fesselnd und gibt erhellende Einblicke in ein Unternehmen, das verschwiegen ist wie kaum ein anderes. Im Interview mit Firmengründer Karp stellen die Handelsblatt-Reporter kritische Fragen zum Geschäftsmodell, haken kenntnisreich nach und entlocken Karp pointierte und teilweise kontroverse Aussagen zu seiner Sicht auf Deutschland und die Welt.
„Hervorragend“, lobt die Jury. „Report und Interview ergeben ein umfassendes, in deutschen Medien bislang unerreichtes Bild von Palantir und seinem Gründer und CEO, Alex Karp. Viele Informationen basieren auf eigener Anschauung. Es wird nicht über, sondern mit dem Unternehmer gesprochen. Wirtschaftsjournalismus at its best!“
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Tanit Koch
„Wie ein Fechtkampf auf höchstem Niveau”
Die meisten Menschen hier im Raum sind keine Journalisten, sondern gehen ehrenwerten Berufen nach. Dass unser eigener nicht zwingend dazugehört, wissen Journalisten selbst ganz gut. Wie der amerikanische Pulitzer-Preisträger Norman Mailer. Er beschrieb den Weg zum Journalismus einmal so:
„Wenn jemand nicht genug Talent hat, um Schriftsteller zu werden, nicht klug genug ist, um Anwalt zu sein, und seine Hände zu sehr zittern, um am OP-Tisch zu stehen – dann wird er Journalist.”
Vielleicht verwundert es auch deshalb nicht, dass einige deutsche Journalisten seit gut einer Woche mit anderen deutschen Journalisten darüber streiten, wie ersetzbar – also natürlich nicht sie selber, aber manch andere Journalisten – durch die Künstliche Intelligenz geworden sind.
Diese Nabelschau werde ich hier nicht vertiefen. Nur so viel: Es gibt zweifellos Teile des journalistischen Handwerks, für die es jedenfalls keine menschliche Intelligenz braucht – und die die KI, im Gegenteil, schneller erledigt: Interviews transkribieren, Texte zusammenfassen, redigieren, kürzen, übersetzen und große Datenmengen durchleuchten. Erinnern Sie sich noch an die Panama Papers – 400 Journalisten aus mehr als 70 Ländern, die gut ein Jahr lang gemeinsam 11,5 Millionen Dokumente durchforstet haben? Das ist – glücklicherweise – Geschichte.
Womit wir bei den heutigen Preisträgern wären.
Eine KI, die sich eineinhalb Jahre lang Stück für Stück in einen medienscheuen und verschlossenen Unternehmenskosmos vorarbeitet. Beharrlich Kontakte aufbaut und pflegt, Zugänge erschließt, recherchiert, Rückschläge hinnimmt, Vertrauen schafft, Türen öffnet, die eigentlich zu bleiben sollen – diese KI muss erst noch erfunden werden.
Bis dahin zeigen Felix Holtermann und Thomas Jahn, wofür es Journalismus von Menschenhand braucht: für einen fesselnden Report über einen der einflussreichsten und umstrittensten Konzerne des neuen Datenzeitalters – der deshalb so anschaulich ist, weil er aus eigener Anschauung schöpft.
Ihre Gespräche mit aktuellen und ehemaligen Palantir-Mitarbeitern, mit Konkurrenten, Kritikern, Experten und Kunden geben uns Lesern, was wir brauchen: Stoff für ein eigenes, informiertes Urteil. Das Interview mit Palantir-Chef Alex Karp ist dabei ein absolutes Glanzstück. Wir haben eben den Satz gehört:
„Was schwer zu kriegen ist, ist meistens interessant.”
Wer hätte gedacht, dass man beim Handelsblatt so viel Understatement beherrscht. Denn: Dieses Gespräch ist weit mehr als interessant – es liest sich wie ein Fechtkampf auf höchstem Niveau. Hier eine Parade, da der schwungvolle Gegenangriff, gezielte Abwehraktionen, das alles mit ziemlich scharfer Klinge und ohne, dass sich die Kombattanten in diesem intellektuellen Duell eine Blöße geben. Das liegt an einem angriffslustigen Alex Karp ebenso wie an zwei Journalisten, die zwar eigentlich für Fragen zuständig, hier aber auch um Antworten nicht verlegen sind.
Aus Sicht der Jury bieten das Handelsblatt-Stück mit dem Titel „Daten als Waffe“ und das Karp-Interview ein – ZITAT –
„umfassendes, in deutschen Medien bislang unerreichtes Bild von Palantir und seinem Gründer und CEO”.
Der aus Deutschland übrigens gern ein bisschen mehr Dankbarkeit erfahren würde. Und der unserem Land den Spiegel vorhalten darf – auch wenn man darüber streiten kann, wie viel davon ein Zerrspiegel ist. So kritisiert Karp etwa:
„Wer in Deutschland ein besonderes Talent hat, der wird zurechtgestutzt.“
Ob das stimmt, möge jeder hier selbst beurteilen. Zumindest beim Handelsblatt aber dürfen Reporter ihr Talent ganz offensichtlich ausleben, ohne dass jemand die Heckenschere zückt.
Übrigens ist Alex Karp in einem Punkt ganz klar: Für den Erfolg seines Unternehmens, so sagt er,
„sind menschliche Experten erforderlich, das klappt nicht mit großen Sprachmodellen.”
Nun, erfolgreicher Wirtschaftsjournalismus klappt eben auch nicht mit großen Sprachmodellen. Denn dass hier nicht nur über, sondern MIT dem Unternehmen gesprochen wird, macht diesen Beitrag so herausragend.
Unbequem und ergebnisoffen.
Klischeefrei und erkenntnisreich.
Erklärend, aber nicht belehrend.
Und am Ende steht das, was guten Journalismus ausmacht: Nicht zu sagen, was man denken soll. Sondern zu zeigen, worüber es sich lohnt, einmal NACHzudenken.
Dafür zeichnen wir Felix Holtermann und Thomas Jahn mit dem Herbert Quandt Medien-Preis 2026 aus.
Herzlichen Glückwunsch!
12.500 Euro Preisgeld für Wolfgang Würth
Aus einem kleinen Betrieb zwischen Plößberg und Tirschenreuth war über Jahrzehnte Europas größtes Sägewerk entstanden. Stefan Ziegler, Unternehmer in dritter Generation, formte in Boom-Zeiten aus dem Familienbetrieb die Ziegler Group, einen Konzern mit beinahe Milliarden-Umsatz, mehr als vierzig Tochtergesellschaften und internationalen Wachstums-Ambitionen. Doch ein Einbruch des Marktes, hohe Schulden und die Komplexität des Firmengeflechts führten Ziegler im November 2024 in die Pleite. 3.500 Beschäftigte waren betroffen. Die Insolvenz schockierte eine ganze Region.
In seinem vierteiligen Dossier „Ziegler – Aufstieg und Fall“, erschienen am 22. November 2025 in Der neue Tag, beleuchtet Wolfgang Würth eine der größten Insolvenzen der Oberpfalz: Akribisch zeichnet der Autor die Geschichte der Ziegler Group bis zur Insolvenz nach und rückt insbesondere die Rolle der beteiligten Banken in den Fokus. Im Interview lässt Würth den Insolvenzverwalter das Verfahren einordnen. Nicht zuletzt porträtiert Würth die zwischen Visionär und Hasardeur changierende Persönlichkeit des seit der Insolvenz zurückgezogen lebenden Unternehmers Stefan Ziegler.
Die Jury ist beeindruckt: „Würths Dossier über die Ziegler Group zeigt exemplarisch, wie nahe Erfolg und Scheitern im Unternehmertum beieinanderliegen können. Faktenreich, ausgewogen und ohne zu verurteilen führt Würth seinen Leserinnen und Lesern vor Augen, wie es zu einer Insolvenz kommen konnte, mit der in der Oberpfalz niemand gerechnet hätte.“ Besonders positiv wertet die Jury auch die grafische Gestaltung, mit der wichtige Inhalte des Dossiers sehr anschaulich aufbereitet werden.
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Jan-Eric Peters
Der „Dranbleiber“
Lassen Sie mich meine Laudatio mit einer Frage beginnen: Welcher Begriff fällt spätestens nach einer Minute, wenn Politiker oder Wirtschaftsverbände über „das Rückgrat der deutschen Wirtschaft“ sprechen? Oder über „das Erfolgsmodell made in Germany“? Ich habe den Begriff vorhin auch schon benutzt, und Sie wissen es natürlich: „der Mittelstand“!
Wir lieben den Mittelstand! Kaum ein anderer Begriff wird hierzulande häufiger beschworen. Und Zahlen geben dieser Liebe recht: Der Mittelstand trägt das Land wirtschaftlich: 99 Prozent aller Firmen in Deutschland gehören zum Mittelstand, 33 Millionen Menschen arbeiten dort. Der Mittelstand ist das Fundament unserer Republik.
Umso erstaunlicher, dass meist ganz andere Unternehmen im Rampenlicht stehen, wenn über Wirtschaft geschrieben oder gesprochen wird. Dann geht es um DAX-Konzerne, um internationale Riesen oder globale Tech-Giganten. „Der Mittelstand“ ist dann oft nur noch ein Schlagwort in der politischen Debatte, wenn es um Bürokratieabbau geht beispielsweise, um Energiepreise oder Steuern. Aber konkrete Unternehmen, Familienbetriebe und inhabergeführte Firmen bleiben abseits einiger bekannter „Hidden Champions“, die oft gar nicht mehr so „hidden“ sind, meist unsichtbar.
Ganz ähnlich verhält es sich in der Medienlandschaft. Auch die ist in Deutschland – natürlich, möchte man sagen – mittelständisch geprägt und noch immer sehr vielfältig, mit allein 300 lokalen und regionalen Zeitungen. Trotzdem verortet man Journalismus, gerade auch Wirtschaftsjournalismus, bei den Leitmedien und nationalen Wirtschaftstiteln, wenn man ehrlich ist. Und wenn Preise für Wirtschaftsjournalismus verliehen werden, stammen die prämierten Arbeiten sehr oft aus den großen Redaktionen des Landes.
Wir, die Jury des Herbert-Quandt-Medienpreises, zeichnen die überregionalen Redaktionen und großen Fernsehsender natürlich auch regelmäßig aus, ganz einfach, weil sie überdurchschnittlich oft überdurchschnittlich große Qualität liefern, wie Sie schon bei den Preisträgern zuvor sehen konnten.
Wir schauen aber besonders gern auch in die Tiefe des Landes. Denn große Geschichten spielen eben nicht zwangsläufig in den Konzernzentralen in Frankfurt oder München. Manchmal findet man sie auch zwischen Plößberg und Tirschenreuth in der Oberpfalz. Und damit komme ich nun zu Wolfgang Würth, unserem Preisträger. Er hat mit seiner Artikelserie in den Oberpfalz-Medien ein Wirtschaftsdrama, das in seiner Wucht eine ganze Region erschütterte, geradezu seziert.
Er hätte eine klassische Pleitegeschichte daraus machen können: Hier der Unternehmer, dort die Fehler, am Ende der Zusammenbruch. Fertig! Aber Wolfgang Würth hat sich für den schwierigeren Weg entschieden. Er hat keinen Schuldigen gesucht, sondern nach Erklärungen. Die Frage, die er stellte, war einfach: „Wie konnte das passieren?“ Die Antwort war komplex.
Er hat Zahlen ausgewertet, mit Sanierern gesprochen und ehemaligen Beschäftigten, er hat Branchenexperten befragt und Firmen-Chef Stefan Ziegler nachgespürt, der ins Private abgetaucht ist, er hat Kreditstrukturen analysiert und seinen Lesern wirtschaftliche Zusammenhänge nahegebracht – alles sehr gut geschrieben und begleitet von erklärenden Grafiken.
Vor allem hat er getan, was guter Journalismus immer tun sollte: Er hat Komplexität nicht beseitigt, sondern verständlich gemacht. Plötzlich ging es nicht mehr nur um eine Pleite. Es ging um die Verlockungen billigen Geldes. Um die Risiken rasanten Wachstums. Um die Frage, wann aus unternehmerischem Mut Übermut wird. Und um die Rolle der Banken, die jahrelang zuschauten und fahrlässig finanzierten – und eine Pleite dieses Ausmaßes erst möglich gemacht haben. Wolfgang Würth führt seinen Leserinnen und Lesern so eindrücklich und exemplarisch vor Augen, wie nah beieinander Erfolg und Scheitern im Unternehmertum liegen können.
Dazu brauchte es keine Redaktion mit großem Namen im Rücken. Was es dazu brauchte, waren Neugier, Hartnäckigkeit, analytische Schärfe und die Bereitschaft, sich tief, wirklich tief in ein Thema einzuarbeiten. Es brauchte einen „Dranbleiber“, wie es Wolfgang Würths Chefin Simone Baumgärtner sagt, die heute auch hier ist.
„Ziegler – Aufstieg und Fall“ ist eine Geschichte, wie sie ein Reporter aus der Region vielleicht am besten erzählen kann. Jemand, der nah genug dran ist, um die Bedeutung zu erkennen, und professionell genug, um zugleich die kritische Distanz zu wahren.
Und vielleicht ist das sogar die schönste Botschaft des heutigen Tages: Dass großer Wirtschaftsjournalismus manchmal dort entsteht, wo ihn viele gar nicht vermuten würden – mitten im Land, mitten im Mittelstand und mitten im Leben der Menschen, die von wirtschaftlichen Entscheidungen direkt betroffen sind. Exzellenter Journalismus ist keine Frage der Postleitzahl.
Lieber Wolfgang Würth, Sie haben aus einem regionalen Ereignis eine beeindruckende Fallstudie von übergreifender Bedeutung gemacht. Dafür zeichnen wir Sie heute mit dem Herbert-Quandt-Medienpreis 2026 und 12.500 Euro aus.
Herzlichen Glückwunsch!
12.500 Euro Preisgeld für Kristina Schlömer, Ute Mattigkeit und Karen Grass
In ihrer Dokumentation „Die Deals mit unserem Strom“, veröffentlicht in der Wirtschaftsdoku-Reihe „Deals“ (ZDF WISO) am 22. Oktober 2025, nehmen Kristina Schlömer, Ute Mattigkeit und Karen Grass eine junge Zielgruppe (25 bis 35 Jahre) mit auf Recherche:
Wie setzt sich der Strompreis in Deutschland zusammen? Warum müssen wir trotz viel vermeintlich günstigen Wind- und Sonnenstroms mit die höchsten Strompreise in Europa zahlen? Auf der Suche nach Antworten lässt sich Grass von Stromversorgern das Merit-Order-Prinzip erklären und erfährt von Netzexperten, welcher Teil der Stromrechnung in den Infrastrukturausbau geht.
„Den Autorinnen gelingt es, ein komplexes, nicht vergnügungssteuerpflichtiges Thema ansprechend und unterhaltsam für ein junges Publikum aufzubereiten“, urteilt die Jury. „Entwaffnend unvoreingenommen und zugleich wissbegierig ergründen sie die unterschiedlichen Komponenten des Strompreises, ohne sich von den politisch aufgeladenen Debatten irritieren zu lassen. So schaffen sie einen echten Mehrwert an Wissen und gehen für ihr Publikum eine journalistische Extrameile – bis hin zum Interview in schwindelerregender Höhe einer Windkraftanlage.“
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Kirsten Ludowig
Den Strommarkt wirklich kapiert
„Die Deals mit unserem Strom“ startet mit Host Karen Grass am Laptop – und mit einem Gedanken:
„Einer wird hier doch richtig gut dran verdienen“,
sagt sie. Geldscheine flattern durch das Bild.
„Money, where have you gone to?”,
singt Sharon Jones.
Als ich den Film das erste Mal sah, dachte ich an dieser Stelle – zugegeben, etwas genervt: Ok, jetzt kommt das klassische Konzern-Bashing. über die gierigen Energieversorger, die uns das Geld aus der Tasche ziehen. Aber, so war es nicht.
Die Recherche startet bei den Stadtwerken Krefeld und endet dort mit einem ersten „krass“, als Karen Grass hört, wie wenig Geld von dem, was ein Zwei-Personen-Haushalt im Jahr für Strom ausgibt, am Ende die Stadtwerke bekommen. Auch in Paderborn erfährt man vom Windparkbetreiber Hellweg Wind, dass sich dessen Gewinne in Grenzen halten, und erst einmal millionenschwere Investitionen nötig sind: Den Kredit, mit dem die Windräder finanziert wurden, muss das Familienunternehmen plus Zinsen zurückzahlen. Für das Land, auf dem der Windpark steht, fällt Pacht an. Dazu kommen laufende Kosten für Wartung und Verwaltung.
Auf der Baustelle von TransnetBW in Baden-Württemberg kommt dann wieder ein „krass“ von Karen Grass, als sie erfährt, dass die Bundesnetzagentur die Rendite des Netzbetreibers bestimmt – und, dass die Firma daran „nix mehr rütteln“ kann. Die Frage, ob es fair ist, dass wir Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland deutlich höhere Stromsteuern und Abgaben zahlen als manche Industriebetriebe, ordnet ein unabhängiger Experte ökonomisch fundiert ein. Ja, es mache durchaus Sinn, große Industriefirmen weniger zu belasten, damit sie im internationalen Wettbewerb bestehen könnten, sagt Professor Andreas Löschel. Aber: Die Politik müsse auch etwas tun, um einkommensschwache Haushalte zu entlasten, denn die treffe der hohe Strompreis besonders.
Schlömer, Mattigkeit und Grass widerstehen bei ihrer Recherche der Verlockung von Schwarz-Weiß-Malerei und der Empörung über vermeintliche Abzocke. Stattdessen entsteht Puzzleteil für Puzzleteil ein Bild vom Strompreis: von Beschaffung und Vertrieb über Netzentgelte bis zu Umlagen, Abgaben und Steuern. Karen Grass steht dabei stellvertretend für ihr Publikum: jung, neugierig und informiert genug, um zu wissen, dass etwas nicht zusammenpasst, aber noch nicht informiert genug, um zu verstehen, was genau.
Neon-pinke Illustrationen erklären Komplexes wie Strom-Börsenhandel, Merit-Order-Prinzip oder EEG-Vergütung – und Grass sagt auch mal
„What the f…“
– untermalt vom gleichnamigen Song. Das spricht an, ohne zu überdrehen. Grass‘ Fazit am Ende:
„Also, so ne'n richtig krasses Geschäft scheint momentan keiner mit unserem Strom zu machen.“
Und dann kommt noch ein Appell, schließlich soll auch diese „DEALS“-Folge jungen Erwachsenen helfen, bessere Kauf-Entscheidungen im Alltag zu treffen: nicht im teuren Stromtarif „versacken“, sondern regelmäßig checken, ob man zu viel bezahlt. Im vergangenen Jahr haben laut Bundesnetzagentur 6,7 Millionen Haushalte in Deutschland ihren Stromlieferanten gewechselt und ca. 280 Millionen Euro gespart. Ein Rekord. Vielleicht werden es 2026, auch wegen dieses Films, noch mehr!
Zwei Reaktionen haben die Macherinnen am häufigsten bekommen:
„Wow, die Windrad-Szene ist ja der Wahnsinn!“
Und:
„Endlich hab‘ ich den Strommarkt mal wirklich kapiert!“
Die zweite ist das größere Kompliment.
Herzlichen Glückwunsch an Kristina Schlömer, Ute Mattigkeit und Karen Grass zum Herbert Quandt Medien-Preis 2026 für „Die Deals mit unserem Strom!“
12.500 Euro Preisgeld für Natascha Pflaumbaum
In ihrer Dokumentation „Billion Dollar Workwear – Die Engelbert Strauss Story“, ausgestrahlt am 25. Februar 2025 im hr-fernsehen, beleuchtet Natascha Pflaumbaum den Aufstieg und die Transformation des Familienunternehmens STRAUSS vom regionalen Anbieter für Berufsbekleidung zur milliardenschweren Lifestyle-Marke. Im Zentrum steht die Frage, wie es gelingen kann, funktionale Arbeitskleidung emotional aufzuladen und als starke Marke im internationalen Wettbewerb zu positionieren.
Pflaumbaum begleitet die Brüder Henning und Steffen Strauss, die das Unternehmen in vierter Generation führen, von Biebergemünd bis nach Amerika. Image-Bildung und Unternehmens-Strategie vollzieht die Journalistin ebenso nach wie die innovativen Ansätze der Firma, Auszubildende zu gewinnen und an sich zu binden. Zugleich wahrt Pflaumbaum professionellen Abstand zu den beiden Vorzeigeunternehmern, die mit Investitionen und Kultur-Events, aber auch mit eigenen planerischen Vorstellungen zu übermächtigen Akteuren in ihrer Heimatregion zu werden drohen.
„Natascha Pflaumbaum ist ein sehr inspirierender Film mit spannenden Inneneinsichten gelungen“, begründet die Jury den Preis. „Sie kommt ihren Protagonisten nahe, ohne dabei ihre professionelle Distanz aufzugeben. Pflaumbaum zeigt, wie modernes Unternehmertum im Mittelstand gelingen kann, wenn neben der Qualität der Produkte eine überzeugende und zeitgemäße Marketingstrategie steht. Zugleich wirft sie Fragen nach gesellschaftlicher Verantwortung von Unternehmern und der Zukunft klassischer Familienunternehmen im globalisierten Umfeld auf.“
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Michaela Kolster
„Die Synthese von Information und Emotion”
Natasche Pflaumbaum nähert sich der Geschichte langsam – ihr Film beginnt nicht mit der Hose, sondern mit einem Auto – ein Auto, das den Adidas Designer Thomas Wege nach Biebergemünd führt. Der Weg lang, Biebergemünd im Nirgendwo und doch bleibt er und gibt nach der Hose nun den Schuhen den Boost in die Moderne, weg vom klobigen Klotz hin ins Coole, ins Begehrenswerte.
Selbst bei Kindern ist die Marke Strauss inzwischen Kult, denn es geht längst nicht mehr nur um Arbeit, Schutz und Funktion. Es geht um Identität, Stolz und Zugehörigkeit, ums Lebensgefühl und das spüren schon die Kleinsten. Das alles sagt Natascha Pflaumbaum nicht, sie lässt ihre Protagonisten sprechen und die Bilder, die sie so großartig komponiert hat. Die Bildsprache klar, unprätentiös, ruhig ohne Hetze. Wir sehen die Synthese von Information und Emotion, es gibt keine manipulierten Blickwinkel, wir sehen den klassischen Schnitt ohne Firlefanz – wie aus dem Lehrbuch.
Sie zeigt, wie ein zielorientiertes, risikobereites und visionäres Unternehmertum die perfekte Marketingstrategie findet und diese mit großer Klarheit und Stringenz umsetzt. Der Erfolg: Ein nicht offiziell bestätigter Umsatz wird auf 1,4 Milliarden Euro geschätzt.
Natascha Pflaumbaum erzählt aber nicht nur die Geschichte der Unternehmerbrüder und ihre Strategie – sie nimmt uns mit in die rasante Transformation der Arbeitswelt und zeigt die damit verbundenen gesellschaftlichen Umbrüche. Pflaumbaum verzichtet auf plakative Kommentierung, beobachtet und wertet nicht. Das überlässt sie dem Zuschauer, der einerseits fasziniert ist und gleichzeitig nachdenklich wird, geht es um den Einfluss vor Ort, den die Brüder inzwischen haben. Den Bau eines Windrads können die Brüder mit der Hilfe anderer verhindern. Die Bewahrung der Natur ist ihnen wichtig. Der Kurpark in Bad Orb – wir haben es gesehen, geht zur Hälfte auf sie zurück. Alea bietet Schule, Gesundheitsanwendungen, Wohnungen für Azubis, Angestellte und Gäste. Die Brüder wollen zurückgeben von dem, was der Erfolg ihnen gebracht hat.
Natascha Pflaumbaum gelingt es mit ihrem Film wirtschaftliche, persönliche und kulturelle Ebenen miteinander zu verweben und das mit einer klaren, kraftvollen filmischen Sprache – die Jury war sich schnell einig, dass diese journalistische Leistung mit dem Herbert Quandt-Medienpreis 2026 ausgezeichnet werden sollte.
Herzlichen Glückwunsch Natascha Pflaumbaum!
Der Herbert Quandt Medien-Preis würdigt seit 1986 jährlich Journalisten und Publizisten aller Medien, die sich in anspruchsvoller und allgemeinverständlicher Weise mit dem Wirken und der Bedeutung von Unternehmern und Unternehmen in der Marktwirtschaft auseinandersetzten. Der Medien-Preis wird im Gedenken an die Persönlichkeit und das Lebenswerk des Unternehmers Dr. h.c. Herbert Quandt verliehen und mit insgesamt 50.000 Euro dotiert.
Dr. h.c. Herbert Quandt (1910-1982)
Herbert Quandt wurde am 22. Juni 1910 als zweiter Sohn des Unternehmers und Industriellen Günther Quandt (1881-1954) und seiner Frau Antonie (geb. Ewald; 1884-1918) in der brandenburgischen Stadt Pritzwalk geboren.
Nach dem frühen Tod der Mutter zog Herbert mit seinem Vater Günther und dem älteren Bruder Hellmut nach Berlin, wo er infolge einer schweren und nicht heilbaren Augenerkrankung Privatunterricht und Ausbildung durch Hauslehrer erhielt. Sein Vater plante daher, ihm eine berufliche Zukunft in der Verwaltung des familieneigenen landwirtschaftlichen Gutes in Mecklenburg zu eröffnen. Nachdem sein älterer Bruder Hellmut jedoch 1927 im Alter von nur 19 Jahren den Komplikationen einer Blinddarmentzündung erlag, wurde Herbert Quandt von Günther Quandt auf eine industrielle Verantwortung und Nachfolge in der Unternehmensgruppe vorbereitet.
Mit Beginn der dreißiger Jahre sammelte Herbert Quandt im Rahmen von Praktika und zahlreichen Auslandsaufenthalten Erfahrungen sowie technische und kaufmännische Kenntnisse, vor allem in der Entwicklung und Produktion von Akkumulatoren. Ende der dreißiger Jahre wurden ihm zunehmend Führungsaufgaben in der Quandt-Gruppe, insbesondere bei dem Batteriehersteller Pertrix, übertragen. Zwar stand Herbert Quandt während der Zeit des Nationalsozialismus immer noch im Schatten seines Vaters. Er trug aber als Direktor der Batteriefabriken Pertrix und AFA Oberschöneweide Verantwortung für den Personalbereich, der sich auch mit dem Einsatz und den Arbeitsbedingungen von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern befasste.
Die Bedingungen der Zwangsarbeit, aber auch das politische Verhalten seines Vaters Günther Quandt in der NS-Zeit, wurden im Oktober 2007 in der TV-Dokumentation „Das Schweigen der Quandts“ thematisiert. Die Ausstrahlung dieser Dokumentation sowie deren Echo in der Öffentlichkeit gaben den Anstoß für eine umfassende Aufklärung und Gesamtdarstellung der Familiengeschichte.
Im Dezember 2007 bat die Familie Quandt, deren seinerzeit größte Beteiligungen BMW und ALTANA sich als Gründungsmitglieder in der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft schon im Jahr 2000 für einen materiellen Ausgleich für ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter eingesetzt hatten, den Zeithistoriker Prof. Joachim Scholtyseck (Universität Bonn) um eine wissenschaftliche Gesamtdarstellung der Familiengeschichte. Das dreijährige, tiefgreifende Forschungsprojekt reichte von den unternehmerischen Anfängen in der Kaiserzeit des 19. Jahrhunderts über die beiden Weltkriege bis zum Tode Günther Quandts im Jahr 1954 und wurde 2011 unter dem Titel „Der Aufstieg der Quandts“ veröffentlicht.[1]
Scholtyseck verdeutlicht darin, dass Herbert Quandt durch seine Führungsaufgaben in der Quandt-Gruppe über Art, Umfang und Bedingungen der Zwangsarbeit sowie auch über sog. „Arisierungen“ von Unternehmen informiert gewesen sein muss.[2] Die Mitgliedschaft in der NSDAP und anderen NS-Organisationen erleichterten es ihm zudem, während des Krieges in Deutschland als Unternehmer tätig zu bleiben.
Scholtyseck erwähnt in seiner Studie aber auch, dass Herbert Quandt „Mitarbeiter in seinen Wirkungskreis berief, die zuvor schon mit dem Regime in politische Konflikte geraten waren“.[3] Da es „weder (…) zeitgenössische Hinweise auf eine grundlegende Distanz zum Regime, noch (…) Indizien für eine besondere Nähe“ gebe, kommt der Historiker zu der Beurteilung, dass „Herbert Quandt zu den vielen Mitläufern gehört habe“.[4]
Das Schweigen über die NS-Zeit und ihr großes Unrecht wurde nach dem Krieg von Herbert Quandt nicht durchbrochen. Scholtyseck verweist auf den Versuch einer Erklärung durch den Philosophen Herrmann Lübbe: Dieser habe im kollektiven „kommunikativen Beschweigen“ eine Voraussetzung dafür gesehen, dass sehr viele, die dem NS-Regime gedient oder sich zumindest mit ihm arrangiert hatten, nach dem Krieg wieder auf einen Weg des Rechts und der Moral zurückfanden und sich engagiert und mit unternehmerischer Zuversicht in den neuen demokratischen Staat einbrachten.[5]
So war auch das Wirken Herbert Quandts in der jungen Bundesrepublik, in der er selbstbestimmt seinen eigenen Überzeugungen folgen konnte, gekennzeichnet von seinem engagierten Bekenntnis zur neuen sozialen Marktwirtschaft und verantwortungsvollem Unternehmertum. Nach seiner Auffassung sollte der Unternehmer in der Gesellschaft als Mensch wahrgenommen werden, dessen Tun und Handeln über den ökonomischen Nutzen hinaus einen wichtigen sozialen Beitrag leistet. Dabei fand neben der Beteiligung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Unternehmenserfolg auch die Ausbildung junger Menschen das besondere Augenmerk Herbert Quandts: Für seine Verdienste um die Reformierung des betrieblichen Ausbildungswesens erhielt er im November 1956 die Ehrendoktorwürde der Universität Mainz.
Auch durch eine besondere unternehmerische Leistung reifte Herbert Quandt zu einer der prägenden und visionären Persönlichkeiten der bundesdeutschen Unternehmens- und Wirtschaftsgeschichte: So bewies er Wagemut und Weitblick, als er 1960 die Aktienmehrheit an der Bayerischen Motorenwerke AG übernahm und das Unternehmen damit vor der Übernahme durch die Daimler-Benz AG bewahrte. Mit seinem großen persönlichen Einsatz, der mit dem enormen Risiko des finanziellen Totalverlusts verbunden war, sicherte Herbert Quandt die Unabhängigkeit von BMW und führte das Unternehmen damit in den folgenden Jahrzehnten zurück auf die Erfolgsspur.
Herbert Quandt vertrat zugleich die Überzeugung, dass Wirtschaft den Menschen als Lebens- und Chancenraum erklärt und nahegebracht werden muss. Neben ihrer Bedeutung als kritische Vermittler und unabhängige Beobachter sah Herbert Quandt hierin die wichtigste Aufgabe der Medien.
[1] Vgl. Joachim Scholtyseck, Der Aufstieg der Quandts. Eine deutsche Unternehmerdynastie, München 2011
[2] Vgl. ebd., S. 765 f.
[3] Vgl. ebd., S. 767
[4] Vgl. ebd., S. 767
[5] Vgl. ebd., S. 768
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